Der Gynäkologe hatte dem Malteser International schon seit einiger Zeit seine Hilfe angeboten. Ganz kurzfristig forderten diese dann einen Gynäkologen an, Wolfgang Heide sagte sofort zu, regelte kurzfristig seine Vertretung in Praxis und Klinik und packte dann seine 15 kg Gepäck, die er mitnehmen durfte. Da kein Kontakt zu dem Malteser Camp in Léogâne möglich war, nahm er auf Verdacht eventuell benötigte medizinische Hilfsmittel aus dem Kreißsaal der Klinik Sankt Elisabeth mit. "Spielsachen. Das ist, was ich beim nächsten Mal mitnehmen würde. Um diese traumatisierten Kinder wenigstens für einen Moment zum Lachen zu bringen."
Am 21. Januar beginnen die Malteser mit der Errichtung eines Gesundheitspostens in Léogâne. Das Camp steht auf dem Gelände einer Rumfabrik, deren Besitzer der Hilfsorganisation sein Grundstück zur Verfügung stellt, "wobei er selbst von schlechtem Gewissen geplagt ist, da er und seine Familie im Gegensatz zu Hunderttausenden seiner Landsleute überlebt haben", so der Heidelberger Mediziner.
Rund 100 Patienten täglich behandeln die Ärzte im Camp, darunter viele Traumatisierte, die Schmerzen verspüren, ohne dass ein körperliches Korrelat gefunden werden kann. Narkosemittel fehlen anfangs, dafür tauchen irgendwoher auf einmal hochdiffizile Instrumente zur Herzkatheterisierung auf. Die alltägliche Widersprüchlichkeit im Chaos. Anfangs liegen die Patienten auf dem Boden in Zelten, später dann auf selbstgezimmerten Untersuchungsliegen. Das Malteser-Team lernt auch, mit den religiösenBesonderheiten Haitis umzugehen. Auf Haiti sind circa 80% der Bevölkerung katholisch, genau so viele praktizieren gleichzeitig Voodoo.
Improvisation ist notwendig zum Überleben im Camp. So bauen die Helfer aus einem Fass zur Rumgewinnung eine Dusche. Eine Toilette gibt es anfangs nur im Privathaus des Besitzers der Rumfabrik, der Müll türmt sich bergeweise auf und stinkt bestialisch. Mit vereinten Kräften versucht man, ein Mindestmaß an Hygiene einzuhalten, um schlimmen Seuchen Einhalt zu gebieten.
Das Essen für Patienten und Helfer wird meist von Patientenangehörigen zubereitet. Diese kochen aus den Zutaten, die sie vorfinden. Und getreu einer Malteser-Regel verläuft auch die Essensverteilung: immer zuerst die Patienten, dann die Helfer. Mangos gibt es viele und Kochbananen. Die Helfer improvisieren auch hier und kreieren neue Leibspeisen: Bananenbrötchen mit Pfeffer. Not macht erfinderisch. Hunger ist der tägliche Begleiter. Den Helfern ist es verboten, den Patienten Essen mitzugeben, denn das hätte eine unvorstellbare, nicht zu bewältigende Sogwirkung zur Folge gehabt. Dennoch brechen sie mit der Regel und stecken den Bedürftigsten (Schwangeren, Stillenden, Älteren und Kindern) heimlich „Kids against Hunger“-Beutel mit Reis und Bohnen unter die Jacken. Auch diese Päckchen sind wie so vieles in den Lagern auf einmal da. Niemand weiß woher und von wem.
Allen schlimmen Alltagskonfrontationen zum Trotz gibt es für das Malteser-Team aus internationalen Ärzten, Krankenschwestern, Logistikern und Administratoren sowie zahlreichen einheimischen Helfern immer wieder schöne Momente: Eine Familie nennt ihr Kind, das sie in der Malteser-Ambulanz in Darbonne zur Welt bringt, dankbar Jim Malte.
Der Heidelberger Gynäkologe hat seinen Vortrag bereits in Schulen gehal-ten und wird von seinen Erfahrungen noch weiteren Menschen berichten, um diese auf die Situation in Haiti aufmerksam zu machen. 505 Euro konnten an diesem Abend für die Unterstützung der Arbeit des Malteser Hilfsdienstes gesammelt werden.
Zum Abschluss dieser eindrucksvollen und informativen Stunde lässt Wolfgang Heide eine Bilderfolge laufen. Im Hintergrund singen Haitianer. Musik eines Gedenkgottesdienstes im Camp, die der Gynäkologe - wie auch die Fotos - mit seinem Handy aufgenommen hat. Improvisation und Optimismus inmitten des Schrecklichen.
Donnerstag, den 29. April 2010 um 16:03 Uhr
Bananenbrötchen mit Pfeffer: Alltag im Malteser-Camp nach dem Erdbeben auf Haiti Empfohlen
Autor: Administrator
Heidelberg. Zwei Wochen im Februar arbeitete und lebte der Heidelberger Gynäkologe Wolfgang Heide im Malteser-Camp in dem zu 90% zerstörten Léogâne auf Haiti. Von seinen Erlebnissen und Eindrücken vor Ort berichtet er einer großen Zuhörerschaft am 13.04.2010 in einem Vortrag in der Klinik Sankt Elisabeth in Heidelberg. Hunger, lebensbejahender Optimismus, Traumatisierung, Improvisation, Zusammenarbeit und Schmerz - das sind die immer wiederkehrenden Eindrücke, die Heide in den zwei Wochen seines Einsatzes im Erdbebengebiet gewinnen konnte.
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Diözesangeschäftsstelle Freiburg
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